Anatomie des Psychoterrors 09.07.2013

Veröffentlicht in 2013

Anatomie des Psychoterrors (MZ vom 09.07.2013)
Jugendliche zeigen Stück über Mobbing
Jeder könnte Opfer sein: Seit dem vergangenen Herbst arbeitete die Theater-AG des Bahnhofs Wolbeck an ihrem Stück "Du Opfa".
WOLBECK. Laura ist 14 Jahre alt und machte andere Menschen fertig, seit sie denken kann. Gäbe es den Titel "Deutschlands Supermobber", sie hätte gute Chancen . In der Szenencollage "Du Opfa" geht die Theatergruppe am Jugendzentrum Bahnhof Wolbeck dem Mobbing auf den Grund - eine Anatomie des alltäglichen Psychoterrors.
Das Opfer hat kein Gesicht. Der Holzstuhl, der mitten auf der Bühne steht, bleibt leer. "Du Opfa", höhnt die Gruppe, lacht, bedroht, beleidigt, zeigt den Finger. Jeder könnte dort auf dem Stuhl sitzen. "Jeder vierte ist von Mobbing betroffen", sagt eine Ärtztin im weißen Kittel, die von oben herab ins Publikum doziert. "Ene, mene, miste und du bist weg", zählt sie jemand ab.
"Mutiges Thema"
"Mobbing, das ist ein sehr mutiges Thema", sagt die Regisseurin Katharina Grützmacher. "und auch eines, zu dem eigentlich jeder etwas sagen kann." Denn egal ob in der Schule, am Arbeitsplatz oder in sozialen Netzwerken - Mobbing blüht wohl überall in den Nischen menschlicher Gruppengefüge. Seit dem letzten Herbst haben die Jugendlichen im Alter von 14 bis 20 Jahren zusammen mit Grützmacher an dem Stück gearbeitet, recherchiert, Texte geschrieben und am Ende Bilder gefunden, die unter die Haut gehen. Am Mittwoch kam das 50-minütige Stück zum zweiten Mal auf die Bühne.
Bedrohlicher Terror
Der geballte Psychoterror wirkt im künstlichen Bühnenblicht umso bedrohlicher Dass es nicht der einzelne Spruch ist, der dem Gemobbten das Leben zur Hölle macht, das ist fast schmerzhaft spürbar, wenn die Gruppe minutenlang ihre Tiraden über das Opfer in der Mitte ergießt. "Die kriegt doch nie die Zähne auseinander, deine Pickel kriegen schon eigene Pickel…"
Und der Typische Mobber? Auch das könnte Jeder sein - grade in Zeiten umfassender digitaler Vernetzung. " Wo der Spaß aufhört und das Mobbing beginnt, dafür haben viele kein Gespür", sagt die Ärztin. Am Ende gibt es viel Applaus - und das, obwohl "Du Opfa" keine gut gemeinten Antworten liefert. Das Stück macht bewusst, was für viele quälender Alltag ist - laut Statistik für jeden Vierten.