Vor traurigem Ende bewahrt - WN 16.01.2010 (Historie des Bahnhof Wolbeck)

Veröffentlicht in 2010

Westfälische Nachrichten 16.01.2010

 

Letzter Personenzug hielt 1975 am Bahnhof Wolbeck / Jugendzentrum seit 1979

 

Von Bettina Goczol

Münster-Wolbeck. Der letzte Personenzug ist lange abgefahren – dennoch: Der Bahnhof Wolbeck lebt! Seinen Wandel vom einstmals stolzen Bahnhofsgebäude zum etwas flippigen Jugendzentrum verdankt das über 100 Jahre alte Haus einer rührigen Jugendinitiative, die 1974 ein selbstverwaltetes Jugendzentrum für Angelmodde und Wolbeck forderte. Ohne sie wäre der Bahnhof womöglich schon längst abgerissen. Doch der Reihe nach.

1902 beginnt der zäh errungene Bau der Eisenbahnlinie zwischen Neubeckum und Münster. Auf 36 Kilometern Länge verbindet die Strecke unter anderem Sendenhorst, Albersloh, Wolbeck, Angelmodde und Gremmendorf. Am 30. September 1903 ist feierliche Einweihung. Festlich sind die Bahnhöfe geschmückt, Kinder sagen Gedichte auf, Musikkapellen und Honoratioren stehen auf dem Bahnsteig bereit, um das Zeitalter der modernen Eisenbahnanbindung zu begrüßen.

Die Erwartungen waren sehr hoch. Nach der Jungfernfahrt fand die Feier ihren krönenden Abschluss bei einem Festbanquett im Rathaus-Festsaal. Dort wurde das Festlied angestimmt mit den selbstbewussten Zeilen: „Wie die Menschenflut sich staut. Wenn man die Station Wolbeck schaut … Angelmodde wird hinfort bestbesuchter Ausflugsort, da gib´s buntes Leben, Keinem kommt´s mehr in den Sinn nach dem öden Handorf hin, sich noch zu begegnen.“ Tatsächlich fuhren viele Erholung suchende Sommerfrischler aus Münster am Wochenende mit dem Pängelanton ins grüne und labten sich in den damals noch reichlich vorhandenen Wirtschaften.

In den 50er und 60er Jahren hängten Autos und Busse den Pängelanton zunehmend ab. Am 27. September 1975 rollte der letzte personenzug über die Gleise, wie Wolf Lammers in seiner Angelmodder Chronik, Heft 5, vermerkt.

Seither fahren „im Auslaufbetrieb“ nur noch Güterzüge über die Strecke. Eine Reaktivierung für den Personenverkehr scheiterte bislang am Streit über die Investitionskosten und den Ausgleich des Betriebskostendefizits.

1977 zeigte der Bahnhof Wolbeck schon deutliche Spuren von Verfall und Vandalismus. Da zeichnete sich Rettung ab. Bereits 1974 hatten etwa 1490 Jugendliche aus Angelmodde und Wolbeck einen Initiativkreis gegründet, der ein selbstverwaltetes Jugendzentrum forderte. Der Bedarf nach einem Treffpunkt für Partys (damals Meetings genannt), Filmvorführungen und Probenräumen für Bands war riesig. 1975 gründeten die jungen Leute einen Verein, der 1976 als freier Träger der Jugendhilfe anerkannt wurde und somit ein ernstzunehmender Gesprächspartner der Stadt wurde. 1978 erwarb die Stadt Münster den alten Bahnhof Wolbeck und erarbeitete gemeinsam mit dem Verein ein Konzept zur Renovierung. Von Sommer 1979 bis Ende November dauerte die Sanierung, die die jungen Leute zum großen Teil in Eigenregie übernahmen, erinnert sich Sozialpädagoge Johannes Wüstefeld-Beermann.

Am 1. Dezember 1979 eröffnete das Jugendzentrum seine Pforten. Es ist bis heute ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche, die Partys, Konzerte, Workshops, feste Gruppen oder das offene Cafe besuchen. Der nachhaltige Erfolg des Jugendzentrums Bahnhof Wolbeck erforderte vielfältige Um- und Anbauten. Zumindest von der Gleisseite her hat der alte Bahnhof sein Gesicht deutlich verändert und als Haus für die Jugend die Zeit überdauert.