Mit einem Rauswurf fing alles an - WN 29.12.2010 (30 Jahre Bahnhof Wolbeck)

Veröffentlicht in 2010

Münster-Wolbeck - Wechselhaft, spannend, ebenso gespickt mit Problemen und Konflikten wie mit teils überraschenden Lösungen durch viele Eigenleistungen der Jugendlichen: So charakterisiert sich die Geschichte des „Jugendzentrums Bahnhof Wolbeck“, das einst anders hieß, nämlich Jugendzentrum Angelmodde-Wolbeck. Denn in Angelmodde-West standen ähnliche Probleme an der Wiege des Jugendzentrums wie in Wolbeck. Man war nämlich „rausgeflogen“ aus den jeweiligen Pfarrheimen beziehungsweise dem Wolbecker Jugendheim.

Dabei habe Pfarrer Josef Barenbrügge die Arbeit sehr wohlwollend verfolgt und Probleme sehr gelassen und hilfreich aufgenommen, erinnert sich Johannes Wüste­feld-Beermann dankbar. Er war bei der Gründung als Jugendlicher dabei, arbeitet seitdem als Sozialpädagoge im Jugendzentrum. 30 Jahre. „Ohne den Rauswurf gäbe es wohl kein Jugendzentrum“, meint er nachdenklich. Am Anfang standen auch etliche Jugendliche aus Angelmodde. 1979 war das Jugendzentrum fertig, bot ganz neue Möglichkeiten - und verändert sich von Jahr zu Jahr.

Die Klientel des Zentrums sind seither Schüler des Schulzentrums Wolbeck, sieht man einmal von den Ü-40-Partys und anderen Veranstaltungen ab. Bei den Ehrenamtlichen kam der Löwenanteil von etwa 60 Prozent von der Realschule, der Rest je zur Hälfte von Hauptschule und Gymnasium.

Lange kamen besonders viele aus dem Dorfkern, stark vertreten waren Kinder selbstständiger Unternehmer und Handwerksmeister. Praktisch, denn Handarbeit war reichlich zu leisten, kann der gelernte Maschinenschlosser Wüstefeld-Beermann bezeugen. Gut, dass der Bahnhof kein Neubau war - man hätte sich sonst nicht getraut, ihn zu verändern. Und das, so Anika Wilmsen, sei wichtig: „Durch die eigene Arbeit nehmen die Jugendlichen das Zentrum erst richtig in Besitz.“ Streichen, zimmern, Steine schleppen, schmücken - Arbeit gab es reichlich. So sah das Zentrum alle Jahre wieder anders aus.

Das Jubiläumsheft zeigt auch, wie man im Bahnhof in Aufgaben hineinwachsen kann. Ein Gitarrist der H-Blockx hat auch hier gespielt, und im Heft ist ein Junge auf einem Foto zu sehen, der in der 5. Klasse schon am Mischpult stand. „Heute legt er bei den großen Partys auf“, sagt Anika Wilmsen. Sie kam auch selbst durch spontanes Mittun zum Bahnhof, erzählt die heute 21-Jährige: Bei einer Party der Zehntklässler ging die Organisation daneben - sie organisierte, wurde angesprochen, übernahm eine Leitungsfunktion in der Mädchenarbeit und wurde schließlich 2010 in den Vorstand des Trägervereins gewählt. „Das hier ist aber dein zweites Zuhause“, habe ihr Vater einmal zu ihr gesagt. Derzeit studiert Anika Wilmsen Sozialarbeit in Enschede, eines der nötigen Praktika absolvierte sie wieder im Bahnhof. Sie freut sich, dass Ehemalige aus ihrer Mädchengruppe heute selbst eine Gruppe leiten.

Das Jugendheim ist selbstverwaltet, entschieden wird demokratisch. Als Ehrenamtlicher bekommt man ab 16 Jahren einen Schlüssel. „Ich weiß noch, wie ich den bekommen habe - wow!“, erzählt Anika Wilmsen. Das Strahlen in den Augen sehe sie heute bei den Jüngeren. „Wir haben ja nie für eine Randgruppe gearbeitet, wir haben uns nie vereinnahmen lassen, und waren immer für alle da. Von allen für alle.“ „Und wie oft wir schon auf der Schnauze gelandet sind. . . “, sagt Johannes Wüstefeld-Beermann - davon und von den Lösungen erzählt das Heft. Auch von einem Brand, vom Kampf um mehr Lärmschutz, von einstigen Problemen mit Alkohol und Box-Süchtigen.

Das schmückende Logo des Jubiläums-Hefts stammt von Rob Elder. Es zeigt eine Dampflokomotive mit Wagen, vorn am Kessel Musiknoten, der Anhänger aussehend wie der Wolbecker Bahnhof. Den historischen Teil der Texte ist von Wüste­feld-Beermann, über die jüngere Zeit schrieb Diplom-Sozialpädagogin Katharina Grützmacher, über die Mädchenarbeit Anika Wilmsen, die auch das Layout des ungewöhnlichen Hefts mit 76 Seiten und vielen Fotos übernahm.

Wer eines der wenigen noch erhältlichen Ausgaben für acht Euro erwerben möchte, der wendet sich bitte an das Team im Bahnhof Wolbeck.

VON ANDREAS HASENKAMP, HILTRUP
30 Jahre gibt das Team im Bahnhof Wolbeck immer wieder Volldampf: Das Foto zeigt Johannes Wüste­feld-Beermann und Anika Wilmsen mit der Jubiläums-Broschüre unter einem Foto des alten Bahnhofs aus dem Jahr 1977. Foto:
(Andreas Hasenkamp)